Gestalt und Eigenart einer Landgemeinde

Im Eilschritt durch 1500 Jahre Gondelsheimer Geschichte

Thomas Adam

Jedes Dorf, jede Gemeinde, jede Stadt hat eigene Charakterzüge, die manchmal im Laufe von Jahrhunderten aufgrund der wirtschaftlichen, geographischen und politischen Situation einer Landschaft und einer Siedlung entstanden sind. So wie jeder Mensch in seinem individuellen Leben wesentlich von der Außenwelt geprägt wird, wie er sich als Reaktion darauf verändert und wandelt, so sind auch die Dörfer und ihr Gemeinwesen geformt durch die vielfältigen Wechselwirkungen mit ihrem Raum und mit ihrer jeweiligen Zeit.

Was Gondelsheim seit seiner Gründung durch Alamannen oder Franken um 500 n. Chr. bis Mitte des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt hat, das ist die Landschaft und mit ihr die Landwirtschaft. Gondelsheim ist den längsten Teil seiner Geschichte ein bäuerliches Dorf gewesen, eine Landgemeinde, in der auch die Handwerker überwiegend in direktem Bezug zur Agrarproduktion standen und in ihr den Hauptabnehmer fanden. Bedingt durch die relativ günstige Lage im Saalbachtal, auf überwiegend fruchtbarem Ackerboden, zählte die Gemeinde zumindest in Zeiten der landwirtschaftlichen Konjunktur zu den wohlhabenderen im Raum Bruchsal und Bretten. Dass im Mittelalter solch ausgedehnte Güter wie der Bonartshäuser Hof oder der Erdbeerhof geschaffen wurden – und dass sich diese bis heute trotz allen Strukturwandels halten konnten! –, deutet hin auf die Eignung des Bodens und des Siedlungsraums für die Landwirtschaft.

Demgegenüber spielte es auf lange Sicht kaum eine Rolle, dass der erstmals im April 1257 als Eigengut des Klosters Herrenalb urkundlich erwähnte Ort über viele Jahrhunderte wieder und wieder seinen Besitzer wechselte. Es herrschte unter den regionalen Niederadeligen, aber auch unter den mächtigeren Häusern Württemberg, Baden und Kurpfalz ein ständiges Kaufen und Tauschen ganzer Dörfer. Prägend für die häufig verpfändeten und eingetauschten Gondelsheimer war damals allenfalls, dass sie sich im schlimmsten Fall mit ihren jeweils neuen Herren über die Höhe ihrer Steuern, Abgaben und Dienstverpflichtungen streiten mussten. Stärker schon beeinflusste die Bautätigkeit der wechselnden Adligen die Ortsentwicklung. So geht auf die Epoche der Standesherren das Gondelsheimer Schloss zurück, das in seiner heutigen Form im 19. Jahrhundert entstand und zweifellos das bemerkenswerteste Gebäude in der Gemeinde darstellt.

Der allmähliche Abschied von der unrentabler werdenden Landwirtschaft seit dem 19. Jahrhundert hat starke Veränderungen bewirkt und das Bild Gondelsheims nachhaltig verändert. Einerseits dadurch, dass erhebliche Bemühungen zur Aufrechterhaltung der gefährdeten Agrarwirtschaft unternommen wurden, darunter die ausgedehnten Flurbereinigungen, die heute das Landschaftsbild der Gemarkung bestimmen. Andererseits dadurch, dass gerade die Kleinbauern sich neue Betätigungsfelder, wenn nicht eine neue Heimat suchen mussten, weil der Profit ihrer winzigen Landwirtschaft nicht (mehr) ausreichte. Mitte des 19. Jahrhundert verließ rund jeder siebte (!) Gondelsheimer binnen weniger Jahre den Ort in Richtung Amerika, und noch für den Zeitraum zwischen 1895 und 1900 bezifferte man die Bevölkerungseinbußen auf über hundert Personen, ein Absinken real von rund 1300 auf 1200 Einwohner. Wesentlicher Grund hierfür war die Abwanderung in Städte und größere Gemeinden, die eine bessere Infrastruktur und einen vielfältigeren Arbeitsmarkt boten als das kleine ländliche Gondelsheim. Später – und dies prägt heute den Charakter der Gemeinde – entwickelte sich im Zeitalter der Mobilität die Möglichkeit der Trennung von Arbeitsplatz und Wohnort: das "Pendlertum" vor allem nach Bruchsal, Bretten und Karlsruhe entstand, und so sind heute nur mehr die wenigsten Gondelsheimer in der Gemeinde selbst tätig.

Der Bevölkerungsrückgang seit dem 19. Jahrhundert wurde nach 1945 durch eine dramatische Entwicklung umgekehrt: Kriegsflüchtlinge und Heimatvertriebene kamen in den Ort, und binnen weniger Jahre bestand weit über ein Viertel der Bevölkerung aus Neubürgern. Das stülpte in mancher Beziehung die sozialen Verhältnisse um, nicht zuletzt in religiöser Hinsicht. Gondelsheim, seit dem 16. Jahrhundert fast ausschließlich evangelisch, hatte nun einen starken katholischen Familienanteil. Dies erforderte ein neues Miteinander und auf beiden Seiten starke Anstrengungen zur Integration.

Der neue Bevölkerungsschub führte in den Jahrzehnten nach 1950 auch zu einer erheblichen baulichen Ausdehnung des Ortes. Hatte sich das ursprüngliche mittelalterliche Dorf überwiegend auf das östliche Saalbachufer, auf den Bereich der Mühlstraße konzentriert, so war es bis Mitte des 20. Jahrhunderts entlang der Bruchsaler und der Brettener Straße gewachsen. Dann aber wurden flächenhaft neue Baugebiete im Westen und Norden des bisherigen Siedlungskerns ausgewiesen. Das gegenwärtig charakteristische Bild Gondelsheims mit seinem Schwerpunkt zwischen der heutigen Bundesstraße 35 und dem Saalbach ist in dieser Zeit entstanden.

 

Ortschronik - 750 Jahre im Saalbachtaal